Beratungspraxis Peter Haas-Ackermann

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Erkenntnisse für einen erfüllten Alltag

 

Ein Beitrag von Peter Haas-Ackermann 1

Als Paul F. Dell2 1981 anlässlich eines internationalen Familientherapie-Kongresses an der ETH Zürich einen Vortrag über die Auswirkungen der Bahnbrechenden Erkenntnisse des chilenischen Neurobiologen Humberto R. Maturana auf das Denken und Handeln in der Therapie hielt, verliessen viele Therapeut/-innen den Saal. Vermutlich konnten sie (noch) nicht dazu stehen, dass sie es sich mit ihren fast heiligen Überzeugungen über das menschliche Verhalten bisher zu leicht gemacht hatten. Eine allseits bekannte Therapeutin schrie sogar gut vernehmlich verstört auf: „Das ist nicht möglich!“ Beispielsweise räumte Dell in Anlehnung an Maturana mit der Illusion auf, Menschen könnten durch gut geplante (therapeutische) Vorgehensweisen wie eine einfache Maschine kausal verändert werden. Wenn wir uns den herausfordernden Erkenntnissen Maturanas stellen, dann ist es tröstlich zu wissen, dass er dazu selbst gerne erzählt, wie er um 1960 beim Herangehen an die Folgen der grundsätzlichen Rückbezüglichkeit allen Erkennens derart den Boden unter den Füssen verlor, dass er an der Normalität seines Geistes zunächst gezweifelt hat.

 

Obwohl Umdenkprozesse für uns Menschen oft bedrohlich erscheinen, weil sie immer einen Sprung in einen unbekannten geistigen Bereich mit sich bringen, eröffnet das konsequente Einlassen auf Maturanas Schlussfolgerungen grossartige Möglichkeiten für jeden Menschen, insbesondere für das menschliche Zusammenleben.

 

Der entscheidende Punkt der Forschungsergebnisse von Maturana3 ist somit der, die Annahme aufzugeben, eine (wissenschaftliche) Beobachtung sei neutral. Das bedeutet, dass die psycho-biologischen Merkmale des Beobachters notwendigerweise seine Wahrnehmung „organisieren“. Dadurch ist die Wirklichkeit, von der er glaubt, dass er sie identifiziert, keine noble, absolute Wirklichkeit mehr, sondern eine „Wirklichkeit“ in Anführungsstrichen, seine eigene Wirklichkeit. Es gibt somit keine absolute Wahrheit. Alles Gesagte wird von einem Beobachter gesagt. Jede Person sagt, was sie sagt, hört, was sie hört, fühlt, was sie fühlt, sieht, was sie sieht etc., gemäss ihrer eigenen Struktur-Determiniertheit (biologischen Grundstruktur): Dass etwas gesagt wird, garantiert nicht, dass es auch so gehört wird. Folglich existieren unendlich viele, ebenso gültige (wirkliche), wenn auch nicht gleichermassen wünschenswerte Welten. Könnte es sein – immer vorausgesetzt ein Mensch vermag dies anzunehmen – dass er dann nicht mehr nach einer absoluten Wahrheit zu suchen braucht und die Kämpfe um das Rechthaben-Wollen beenden kann?

 

Sprache beeinflusst tief greifend, was wir denken und tun. Sprache verändert alles. Nichts hat grössere Wichtigkeit für uns, als wie Ereignisse versprachlicht werden. Maturana legt dar, dass Sprache verletzt: „Es kann genauso wirkungsvoll sein, Menschen mit Sprache zu schlagen wie mit einem Knüppel. Die Einengung, die bestimmte Formen des ‚Versprachlichens’ erzwingen, können genauso gewaltig sein, wie Stahlbetonwände. Worte verändern die Struktur von Menschen und ihrem Leben genauso sicher, wie Gewehrkugeln. Worte hätten jedoch nicht solche Kraft, wären sie nicht so vollständig in das Gefüge unserer Existenz eingewoben.“4 Nach Maturana scheinen Worte und Symbole für Menschen so grundlegend zu sein wie Klauen und Zähne für die Tiere des Dschungels. Ohne Sprache gibt es nur das „Jetzt“ – das Leben entfaltet sich von Augenblick zu Augenblick, ohne Selbstbewusstheit oder Bedeutung. Die Sprache ist das Haus in dem wir leben und Bedeutung miteinander erzeugen. Die Mitwelt, die wir wahrzunehmen glauben, ist deshalb eine schöpferische Leistung unseres Gehirns, d.h. eine Erfindung, wie es der Kybernetiker Heinz von Foerster einmal formulierte. Anzuerkennen, dass die Welt das ist, was jeder einzelne Mensch von ihr denkt, birgt ein unglaubliches Potenzial in sich, denn wir erschaffen das Erleben von uns selber, unserer Arbeit, unseren Partnern, Kindern, Eltern, Geschwistern, Kollegen, Vorgesetzten, Kunden, Nachbarn etc. durch unser Denken! Von daher ist es sehr kraftvoll zu wissen, dass wir unser Denken ständig verändern und befähigende Bedeutungen erfinden können.

 

So haben wir die Wahl, wie wir die Welt und unsere Mitmenschen sehen wollen. Zum Beispiel

 

  • uns selber als vollständige, statt minderwertige Menschen,
  • unsere Arbeit als Aktivurlaub, gelebte Genialität oder Geschenk, statt Mühsal,
  • unseren Partner als uns verpflichtetes, statt uns kritisierendes Gegenüber,
  • unsere Kinder als aufgeweckt, statt frech,
  • unsere Eltern als besorgt, statt verurteilend,
  • unsere Geschwister als Bereicherung, statt Belastung,
  • unsere Kollegen als Unterstützung, statt Konkurrenz,
  • unsere Vorgesetzten als Förderer, statt Verhinderer,
  • unsere Kunden als Gelegenheit zur Weiterentwicklung, statt Ärgernis und
  • unsere Nachbarn als bunte Abwechslung, statt Störfaktor etc.!

 

Diesem Konzept folgend könnten wir darauf verzichten, für andere entscheiden zu wollen, was für sie gut oder schlecht, richtig oder falsch, unnütz, krank oder sinnvoll ist. Könnte es sein, dass dieser Respekt andern Menschen und ihren Verhaltensweisen gegenüber vermutlich sowohl einen angenehmeren als auch gewinnbringenderen Umgang mit ihnen zu fördern vermag? In Bezug auf menschliche Beziehungen lohnt es sich zudem folgende Gedanken von Maturana im Bewusstsein zu behalten:

 

„Macht ist Handeln durch Gehorsam. Wer gehorcht, gewährt Macht. Wir gewähren immer Macht, um etwas zu bewahren: Freunde, Dinge, Prestige, Äusserlichkeiten, Leben… – Gehorsam lässt immer Gefühle von Herabsetzung bei dem/derjenigen zurück, der/die gehorcht, was früher oder später zu emotionalem Widerspruch im Bereich der Selbstachtung und infolgedessen zu Leiden führt. Interpersonelle (zwischenmenschliche) Beziehungen, die auf Gehorsam basieren (Machtbeziehungen), sind unweigerlich irritierend und heuchlerisch. Bei derjenigen Person, der man gehorcht, entsteht ein Gefühl von Stolz und die Wahnvorstellung, ein transzendentales Recht auf Gehorsam zu besitzen – Gefühle, die unvermeidlich zu Blindheit für den/die andere/n und zu Missbrauch führen. Beziehungen, die auf Macht (Gehorsam) gegründet sind, sind ihrem Wesen nach instabil und voller Misstrauen. – In Beziehungen, die auf Liebe gegründet sind, d.h. auf der Anerkennung der Existenz des/der anderen neben einem selbst, taucht die Frage der Macht nicht auf. – Machtbeziehungen hingegen sind keine sozialen Beziehungen, weil sie immer zur Folge haben, dass sich Untergebene/r und Beherrscher/in als Menschen wechselseitig negieren (entwerten).“

 

Wir haben als menschliche Wesen nur die Welt, die wir zusammen mit anderen hervorbringen, ob wir die andern mögen oder nicht. Ohne Liebe, ohne dass wir andere annehmen und neben uns leben lassen, gibt es keinen sozialen Prozess, keine Sozialisation und damit keine Menschlichkeit.

 

© Peter Haas-Ackermann

St. Gallen, April 2004

 

 


 

Einzel-, Paar- und Familienberater, Coach, Supervisor und Organisationsberater BSO (Oberer Graben 46, 9000 St. Gallen, 071/277 37 30)

Paul F. Dell war Direktor des Family Therapy Institute in Virgina Beach und Associate Professor für Psychiatrie und Verhaltenswissenschaften an der Eastern Virgina Medical School

Schon bei Philosophen wie Platon, Kant, Heidegger, Wittgenstein usw. oder Naturwissenschaftern, wie Einstein und Heisenberg finden sich Entsprechungen an diese konstruktivistische Sichtweise.

Efran, Lukens, Lukens: „Sprache Struktur und Wandel“. S. 59, Band 7 systemische Studien, Verlag modernes lernen – Dortmund